Mascha Kaléko
(*7. Juni 1907 Chrzanów, Galizien, Österreich-Ungarn - †21. Januar 1975 Zürich)
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"Wenn dumme Leute überlegend schweigen, dann sollen kluge schweigend überlegen."


Die paar leuchtenden Jahre.
München, DTV, 2003. ISBN 3-423-13149-7

KOMPLIZIERTES INNENLEBEN

Hinter jedem Abschied steht ein Warten.
Wenn dein Schritt verhallt ist, sehn ich mich.
Wenn Du kommst, ist jeder Tag ein Garten.
– Aber wenn du fort bist, lieb ich dich...

Manchmal seh ich auf zu Sternmillionen.
Ob das Glück stets hinter Wolken liegt?
Ach, ich möchte in den Nächten wohnen,
wo kein "morgen" um die Ecke biegt.

Kommst du, sehn ich mich nach tausend Dingen,
wächst der Abgrund zwischen dir und mir,
Spür ich altes Fernweh in mir klingen.
- Aber wenn du fort bist, gilt es dir.

Unser Schicksal lauert hinter Bergen.
Schönes Jenseits, das wir nicht verstehn.
Unsre Großen gleichen noch den Zwergen,
Und nichts bleibt uns als emporzusehn.

Gibt es Träume, die noch nicht zerrissen,
Gibts ein Glück, das hielt, was es versprach?
Ach, wir Dummen werdens niemals wissen.
Und die Klugen forschen nicht danach...

Rezitation: Elke Heidenreich

Anmerkung: Ich frage mich in meinen stillen Stunden, was war das Leben, Liebster, eh du kammst und mir den Schatten von der Seele nahmst? Was suchte ich, bevor ich dich gefunden? (M.Kaléko)

Siehe auch hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Mascha_...
https://www.maschakaleko.com/
https://www.deutschlandfunk.de/die-ly...
https://de.wikipedia.org/wiki/Elke_He...

DAS LETZTE MAL

Den Abend werde ich wohl nie vergessen,
Denn mein Gedächtnis ist oft sehr brutal.
Du riefst: „Auf Wiedersehn". Ich nickte stumm. - Indessen
Ich wusste: dieses war das letzte Mal.

Als ich hinaustrat, hingen ein paar Sterne
Wie tot am Himmel. Glanzlos kalt wie Blech.
Und eine unscheinbare Gaslaterne
Stach in die Augen unbekümmert frech.

Ich fühlte deinen Blick durch Fensterscheiben.
Er ging noch manche Straße mit mir mit.
- Jetzt gab es keine Möglichkeit zu bleiben.
Die Zahl ging auf. Wir waren beide quitt.

Da lebt man nun zu zweien so daneben . . .
Was bleibt zurück? - Ein aufgewärmter Traum
Und außerdem ein unbewohnter Raum
In unserm sogenannten Innenleben.

Das ist ein neuer Abschnitt nach drei Jahren,
- Hab ich erst kühl und sachlich überlegt.
Dann bin ich mit der Zwölf nach Haus gefahren
Und hab mich schweigend in mein Bett gelegt . . .

Ich weiß, mir ging am 4. Januar
Ein ziemlich guterhaltnes Herz verloren.
- Und dennoch: Würd ich noch einmal geboren,
Es käme alles wieder, wie es war . . .


Rezitation: Elke Heidenreich

Anmerkung: Man braucht nur eine Insel, Allein im weiten Meer.

Man braucht nur einen Menschen, den aber braucht man sehr. (M.Kaléko)

Nun gönnt sich das Jahr eine Pause.
Der goldne September entwich.
Geblieben im herbstlichen Hause
Sind nur meine Schwermut und ich.
 
Verlassen stehn Wiese und Weiher,
Es schimmert kein Segel am See.
Am Himmel nur Wildgans und Geier
Verkünden den kommenden Schnee.
 
Schon rüttelt der Wind an der Scheune.
Im Dunkel ein Nachtkäuzchen schreit.
Ich sitze alleine beim Weine
Und vertreib mir die Jahreszeit...
 
Im Gasthaus verlischt eine Kerze.
Verspätet spielt ein Klavier.
- Dem ist auch recht bange ums Herze.
Adagio in Moll - so wie mir.
 
Der Abend ist voller Gespenster,
Es poltert und knackt im Kamin.
Ich schließe die Läden am Fenster
Und nehme die Schlafmedizin.

Rezitation: Fritz Stavenhagen

Anmerkung: Ich habe mit Engeln und Teufeln gerungen genährt von der Flamme, geleitet vom Licht, und selbst das Unmögliche ist mir gelungen, aber das Mögliche schaffe ich nicht. (M.Kaléko)

Wiedersehen mit Berlin

Seit man vor tausend Jahren mich verbannt.
Ich seh die Stadt auf eine neue Weise,
So mit dem Fremdenführer in der Hand.
Der Himmel blaut. Die Föhren lauschen leise.
In Steglitz sprach mich gestern eine Meise
Im Schloßpark an. Die hatte mich erkannt.

Und wieder wecken mich Berliner Spatzen!
Ich liebe diesen märkisch-kessen Ton.
Hör ich sie morgens an mein Fenster kratzen,
Am Ku-Damm in der Gartenhauspension,
Komm ich beglückt, nach alter Tradition,
Ganz so wie damals mit besagten Spatzen
Mein Tagespensum durchzuschwatzen.

Es ostert schon. Grün treibt die Zimmerlinde.
Wies heut im Grunewald nach Frühjahr roch!
Ein erster Specht beklopft die Birkenrinde.
Nun pfeift der Ostwind aus dem letzten Loch.
Und alles fragt, wie ich Berlin denn finde?
– Wie ich es finde? Ach, ich such es noch!

Ich such es heftig unter den Ruinen
Der Menschheit und der Stuckarchitektur.
Berlinert einer: „Ick bejrüße Ihnen!“,
Glaub ich mich fast dem Damals auf der Spur.
Doch diese neue Härte in den Mienen …
Berlin, wo bliebst du? Ja, wo bliebst du nur?

Auf meinem Herzen geh ich durch die Straßen,
Wo oft nichts steht als nur ein Straßenschild.
In mir, dem Fremdling, lebt das alte Bild
Der Stadt, die so viel Tausende vergaßen.
Ich wandle wie durch einen Traum
Durch dieser Landschaft Zeit und Raum.
Und mir wird so ich-weiß-nicht-wie
Vor Heimweh nach den Temps perdus …

Berlin im Frühling. Und Berlin im Schnee.
Mein erster Versband in den Bücherläden.
Die Freunde vom Romanischen Café.
Wie vieles seh ich, das ich nicht mehr seh!
Wie laut „Pompejis“ Steine zu mir reden!

Wir schluckten beide unsre Medizin,
Pompeji ohne Pomp. Bonjour, Berlin!

Rezitation: Fritz Stavenhagen 
(*
15.Mai 1945 Klettwitz, Niederlausitz)

Anmerkung: Drum lest mit Maß, doch lest genug, Dann wird's euch wohl ergehen. Bloß Bücher fressen macht nicht klug. Man muss sie auch verstehen. (M.Kaléko)

An mein Kind

Dir will ich meines Liebsten Augen geben
und seiner Seele flammenreiches Glühn.
Ein Träumer wirst du sein und dennoch kühn
verschloßne Türen aus den Angeln heben.

Wirst ausziehn, das gelobte Glück zu schmieden.
Dein Weg sei frei. Denn aller Weisheit Schluß
bleibt doch zuletzt, daß man hienieden
all seine Fehler selbst begehen muß.

Ich kann vor keinem Abgrund dich bewahren.
hoch in die Wolken hängte Gott den Kranz.
Nur eines nimm von dem, was ich erfahren:
Wer du auch seist, nur eines - sei es ganz!

Du bist, vergiß es nicht, von jenem Baume,
der ewig zweigte und nie Wurzeln schlug.
Der Freheit Fackel leuchtet uns im Traume -
bewahr den Tropfen Öl im alten Krug!

Rezitation: Fritz Stavenhagen 
(*
15.Mai 1945 Klettwitz, Niederlausitz)


Anmerkung: Ich dank dir Herr, In jeder stillen Stund, Ist auch mein Mund Scheu und verschwiegen. Ich stehe hier An meines Kindes Wiegen Und ohne Wort Dankt es in mir. (M.Kaléko)

Das berühmte Gefühl (1945)

Als ich zum ersten Male starb,
- Ich weiß noch, wie es war.
Ich starb so ganz für mich und still,
Das war zu Hamburg, im April,
Und ich war achtzehn Jahr.

Und als ich starb zum zweiten Mal,
Das Sterben tat so weh.
Gar wenig hinterließ ich dir:
Mein klopfend Herz vor deiner Tür,
Die Fußspur rot im Schnee.

Doch als ich starb zum dritten Mal,
Da schmerzte es nicht sehr.
So altvertraut wie Bett und Brot
Und Kleid und Schuh war mir der Tod.
Nun sterbe ich nicht mehr.

Rezitation: Fritz Stavenhagen 
(*
15.Mai 1945 Klettwitz, Niederlausitz)


Anmerkung: Ich weiß, mir ging am 4. Januar ein ziemlich gut erhaltenes Herz verloren, und dennoch würd‘ ich noch einmal geboren, es käme alles wieder wie es war. (M.Kaléko)

Mascha Kaléko spricht Mascha Kaléko: Interview mit mir Selbst
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